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Viele jüngere
Retrieverhalter werden die Entstehung des Begriffs "Field Trial Linie"
nicht kennen. Man sprach in England früher allgemein von "working strains"
oder "Arbeitslinien" und meinte damit die Bestimmung bzw. Verwendung der
Retriever für die Arbeit nach dem Schuss in der Niederwildjagd. Im
Mutterland der Retriever verglich man die Leistungen der in den Revieren
arbeitenden "gundogs" bzw. Jagdgebrauchshunde in "field trials" bzw.
sportlichen Wettkämpfen. Field Trials sind Jagdprüfungen auf frisch
geschossenes Feder- und Haarwild. Sie wurden sehr schnell beliebt und
waren bald so weit verbreitet, dass es wenig Arbeitslinien
gab, deren Vertreter nicht auf Field Trials erschienen.
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Holway Bombazine wartet in der Schützenlinie auf Rebhühner
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In den vergangenen Dekaden
beeinflussten die in Field Trials besonders erfolgreichen Linien mit ihren
Field Trial Champions (FT-CH) maßgeblich die Zucht. In den Field Trial
Linien wird größtes Augenmerk auf gute Prüfungseigenschaften gelegt, was
sich praktisch mit den bekannten jagdlichen Kriterien deckt. Man tauschte
zwar die Bezeichnung Arbeitslinie oder "working strain" für den Retriever
als Jagdhelfer gegen die Bezeichnung Field Trial Linie für den Retriever
als Prüfungshund UND Jagdhelfer, aber die Bedeutung verschob sich
zumindest in England kaum. Es liegt in der Natur der nationalen
Jagdgegebenheiten ebenso wie im stark wachsenden Prüfungswesen auf dem
europäischen Festland, dass sich bei uns der Begriff Field Trial Linien
durchsetzte.
Kontinentale Hundeführer
versuchten verständlicherweise, die Grundlage für Prüfungserfolge mit dem
Kauf von Welpen aus erfolgreichen FT Linien zu importieren. Sie hatten
vielleicht nicht immer das Glück, die Besten eines Wurfes oder einen
Retriever aus einer besonders hoffnungsvollen Paarung zu bekommen.
Fallweise traten auch gesundheitliche Probleme wie PRA und HC, in geringem
Masse Hüftprobleme oder Ellbogendefekte auf. Nichts allerdings, was nicht
auch auf Importe aus Showlinien zutreffen könnte. Die Arbeitshunde in
England vermittelten bis vor einigen Jahren einen im Aussehen etwas
"leichten" Eindruck, was so manchen spöttischen Kommentar wie "Windhunde"
oder "Mickymäuse" provozierte. In der Zwischenzeit nähert sich das
Exterieur aber wieder dem ursprünglichen Typus an und es sind
ausgesprochen harmonische Exemplare zu sehen ... abgesehen von der
elegant-kraftvollen Schönheit in der Bewegung dieser Gebrauchshunde. Heute
brillieren hierzulande Retriever aus FT-Linien vor allem durch großartige
Leistungen in Working Tests, aber auch in den weniger häufigen Field
Trials, sowie in den traditionellen heimischen Jagdprüfungen inklusive
Schweißprüfungen. Mit vielen dieser erfolgreichen Importhunde wurde
bereits weitergezüchtet und so eine eigene FT-Zuchtbasis begründet.
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Holway Bobazine,
* 30.3.1995: Wesenstest, Schweizer Meister 1997, FT-Winner, CACIT, CAC,
SchweißPr begleitet und unbegleitet, BLP, VGP (=RGP), WT/S Winner etc.
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In England reagiert man
übrigens auf Zuchtprobleme, wie man es immer getan hatte. Innerhalb
weniger Generationen merzt man die unerwünschten Merkmale in Erscheinung,
Gesundheit oder Wesen aus, und konnte dies besonders bei den Labradors
aufgrund der großen Field Trial Zuchtbasis ebenso gut durchführen, wie
dies bei den Showlinien möglich ist. Obligatorische HD- und
Augenuntersuchungen trugen wesentlich zur Qualitätsverbesserung bei.
Dennoch darf man nicht unterschätzen, wie sehr der englische FT Züchter
bei der Auswahl der Deckpartner auf Arbeitsmerkmale wie "nose, style, good
temperament, natural game finding ability, will to please, etc." achtet.
Das Angebot an FT-Hunden ist
gerade bei den Labradors groß wie nie zuvor. Sicher sind gute persönliche
Verbindungen kein Nachteil beim Welpenkauf, aber ein bewährter Hundeführer
wird kein Problem haben, einen vielversprechenden Welpen zu finden. Auf
dem Kontinent übertrifft zur Zeit die Wurfanzahl hin und wieder die
qualifizierte Nachfrage. Es geht eben schneller, eine relativ große Anzahl
guter Arbeitshunde bereit zu stellen, als eine ebenso große Anzahl
geeigneter Hundeführer auszubilden. Da dies aber nur eine Frage der Zeit
und des qualitativ tauglichen Trainings ist, wird der Workingtest Boom
hierzulande hoffentlich anhalten und vermehrt Gelegenheit zur artgerechten
und sportlichen Beschäftigung mit unseren Retrievern bieten.
Wie definiert sich eine
REINE Arbeitslinie oder FT-Linie?
Nehmen wir als Beispiel den
Holway Golden Retriever Zwinger von Mrs. June Atkinson.
Hier sprechen wir von einer
Arbeitslinie, die seit mehr als 50 Jahren besteht. Bei gut über 20
FT-Champions, die von der Züchterin selbst trainiert und geführt wurden,
kann man mit Fug und Recht von einer ausgesprochenen Field Trial Linie im
alten und im neuen Sinn sprechen. Die Holway Goldens wurden immer für den
Jagdgebrauch gezüchtet, immer aber auch auf Jagdprüfungen/Field Trials
geführt. Sie haben ihre Bestimmung sozusagen "im Blut".
Mrs. Atkinson verkauft nach
wie vor gerne an Jäger und Gamekeeper, die Gebrauchshunde wollen, und
bildete ab und zu einen ihrer Goldens für einen Jäger aus. Viele ihrer
Hunde laufen auf Prüfungen und werden als picking up Hunde eingesetzt.
Obwohl man in der Prüfungsszene von den reinen Jagdhunden in der Regel
nichts mehr hört, bilden gerade sie einen wichtigen Teil der Zuchtbasis.
Durch den täglichen Jagdgebrauch entwickeln und tradieren diese echten "gundogs"
nämlich die sonst immer seltener werdenden Eigenschaften wie "natural game
finding ability", oder eben auch das nötige sichere Wesen, das ein
Jagdhund für seine Arbeit braucht ... und das den Retriever bekanntlich
auch zum idealen Familienhund macht.
Was ist der Unterschied
zwischen einem working retriever oder field trial dog und einem
"Arbeits-Prädikatshund" deutscher Prägung?
Englische Arbeitslinien sind
Blutlinien, d.h. der Hund trägt Arbeitsblut in sich in dem Sinne, dass mit
diesen Hunden immer jagdlich (= picking up) gearbeitet wurde und sie daher
die entsprechend benötigten Eigenschaften wie "good nose, style, natural
game finding ability, good temperament, will to please", etc. als
ungeschriebene Zuchtkriterien in sich tragen. Bei deutschen oder
österreichischen Retrievern aus jagdlicher Zucht hingegen haben beide
Elterntiere eine erfolgreiche Bringleistungsprüfung. Bei jagdlicher
Leistungszucht auch mindestens drei der Großeltern. Nicht mehr und nicht
weniger. Die abgelegten Prüfungen lassen selbstverständlich gewisse
Schlüsse hinsichtlich der hier auf dem Kontinent gewünschten jagdlichen
Brauchbarkeit zu, bedeuten aber nicht, dass eine BLP pro Elternteil einen
"jagdlich gezüchteten" Hund im Sinne einer Blutlinie hervorbringt.
Bitte hier nicht
protestieren! Unsere Festland-Kriterien sind einfach völlig anders, als
die über viele Generationen lange Zucht von Arbeitslinienhunden, die immer
Arbeitskriterien, nicht aber Showkriterien unterworfen wurden. Zurück zu
unserem Beispiel: bei den Holways waren die erwähnten Eigenschaften über
50 Jahre lang Zuchtziel! Dem gegenüber stehen das 25-jährige Jubiläum des
österreichischen Retrieverclubs im Jahr 2005, oder immerhin, aber eben
auch erst 40 Jahre DRC. Da es mittlerweile - wie bereits erwähnt, in
Deutschland eine wachsende Zahl von FT-Importen (hauptsächlich Labradors)
gibt, die auch schon in die Weiterzucht gegangen sind, ist es umso
wichtiger, sich der Herkunft der Hunde bewusst zu sein und zu wissen, was
es für einen Unterschied machen kann, einen "Arbeits-Retriever" aus
englischen FT-Linien zu kaufen, oder einen deutschen Prädikatshund, der
das Zuchtprädikat z.B. "Jagdliche Leistungszucht" deshalb trägt, weil
seine Vorfahren BLP's und RGP's bestanden haben, die schon vom jagdlichen
Verwendungszweck her
völlig anders geartet sind, als ein englisches Field Trial.
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Holway Trilby, *
20.06.1999: Wesenstest, Workingtest Kl. S, Field Trial, unbegleitete
Schweißprüfung, BLP, Cold Game-B
Foto:
Stefanie Krause-Wieczorek
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Die Schlussfolgerung daraus
ist: Wenn ein Erstretrieverhalter auf einem Workingtest oder Field Trial einen FT-gezüchteten Hund großartig arbeiten sieht, daraufhin so einen Hund
kaufen möchte, und zu diesem Zweck auf den Welpenlisten nach jagdlichen
Zuchtprädikaten sucht, könnte er leicht Opfer eines Irrtums werden und
einen zwar sehr guten Retriever erwerben, aber eben unter Umständen einen
von einem völlig anderen Schlag als erwartet.
Über die späteren
Verwendungsmöglichkeiten seines Retrievers sollte sich daher jeder
Welpenkäufer so breit wie möglich informieren und dann den für ihn
geeigneten Schlag bzw. die für ihn geeignete Linie suchen. Das genaue
Studium der Stammbäume wäre der erste Schritt, zeitgerechte persönliche
Kontaktaufnahme der nächste. Ein seriöser Züchter wird gerne eine
Dummytasche über die Schulter werfen und über Prüfungsergebnisse hinaus
die Arbeitsqualität seiner Hunde unter freiem Himmel vorführen.
Ich
möchte mich ganz herzlich bei
Helene Leimer
(A) bedanken, dass sie exclusiv für meine Homepage diesen interessanten und
aufschlussreichen Text verfasst hat! Ebenso möchte ich mich bei ihr für die mir
zur Verfügung gestellten Fotos danken. Helene selbst ist Leistungsrichterin und
Working Test Richterin, langjährige Golden- u. Labrador-Führerin auf Jagden und Workingtests,
Ausbilderin und Autorin des Buches "Die Sache mit dem Dummy" und des
Videos "Cheerful Success".
Das Copyright auf Text und
Fotos liegt bei
Helene Leimer!
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